Achtsam Essen: Die Rosinenübung

Achtsam Essen: Die Rosinenübung

Hast Du schon einmal eine Rosine gegessen?
„Ja natürlich …“ wirst Du Dir vielleicht denken „ … was ist das denn für eine Frage?“
Wie schmeckt eine Rosine?
„Süß, was sonst?“
Nur süß?
„Hmm …“
Wie schmeckt Dir eine Rosine?

Bei Rosinen scheiden sich oft die Geister – den einen schmeckt die kleine getrocknete Frucht, die anderen picken sie lieber aus ihrem Essen und lassen sie am Tellerrand liegen. Egal, zu welcher Gruppe Du gehörst, hast Du schon einmal mit voller Aufmerksamkeit und all’ Deinen Sinnen eine Rosine gegessen? Hast Du eine Rosine schon einmal wirklich geschmeckt und kannst ihren Geschmack – abgesehen von der Süße – beschreiben? Wie riecht eine Rosine? Wie fühlt sie sich im Mund an? Kann eine einzige Rosine satt machen?

Achtsam Essen: Zum ersten Mal eine Rosine essen

Die Rosinenübung ist eine zentrale und eine der ersten Übungen achtsamen Essens und der Achtsamkeitspraxis generell. Bereits am 2. Tag des Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) Einführungskurs, den ich Ende 2016 absolviert habe, stand sie auf dem Kursplan. Das zeigt, wie essenziell sie ist. Aber um was geht es dabei nun?

Im Prinzip ist es ganz einfach: Bei der Rosinenübung wird eine Rosine gegessen. So weit, so gut. Allerdings wird sie nicht, wie meist im alltäglichen Leben gegessen: als Teil einer ganzen Handvoll Rosinen, die vielleicht vier bis fünf Mal gekaut und dann achtlos hinunter geschluckt werden, während die nächste Handvoll Rosinen schon wieder in der Hand bereit liegt und nebenbei lauter andere Dinge die Aufmerksamkeit beanspruchen. Vielmehr, wird bei der Rosinenübung eine einzelne Rosine, mit voller Aufmerksamkeit und allen Sinnen, gegessen.

Bei dieser Übung zum achtsamen Essen, wird eine Rosine erkundet, als ob Du sie noch nie in Deinem Leben gesehen, geschweige denn gegessen hättest. Du betrachtest sie als etwas vollkommen Neues. Im Rahmen meines MBSR-Kurs wurde dies als „eating with the beginner’s mind“ bezeichnet, sprich: als ob Du ein Kind wärest, dass ein neues Objekt oder einen Gegenstand entdeckt oder ein Wissenschaftler, der etwas vollkommen Neues erforscht. Daher wird die Rosine in der Übung auch nicht als „Rosine“ bezeichnet, sondern als Objekt. Für die Erforschung dieses Objekts werden alle Sinne benutzt: sehen, fühlen, riechen, hören, schmecken.

Was das bewirkt?

  • Du übst Deine Aufmerksamkeit gezielt einzusetzen und Dich bewusst zu konzentrieren.
  • Du schaffst Raum für einen klaren Geist (was gerade in der heutigen Fülle an Eindrücken und Informationen immer seltener wird).
  • Du spürst Deinen Körper und setzt Deine Sinne bewusst ein (in den vielen kopflastigen Tätigkeiten heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr).
  • Du schenkst Deinem Essen wieder mehr Aufmerksamkeit und übst Dankbarkeit für das vermeintlich „Selbstverständliche“.
  • Du bist vollkommen präsent, vollkommen im Hier und Jetzt  (wo wir uns gedanklich doch so oft in Vergangenheit und Zukunft befinden).

Aber genug zur Theorie, denn Achtsamkeit und achtsames Essen sind nichts Theoretisches. Erst durch die Praxis, die (Selbst-)Erfahrung und das Spüren werden die Rosinenübung und andere Achtsamkeitsübungen wirklich wertvoll. Denn erst dadurch kannst Du und Dein Körper sie wirklich verstehen.

Essmeditation „Rosinenübung“: Anleitung

Für diese Essmeditation benötigst Du eine einzelne Rosine. Anstelle der Rosinen kannst Du auch ein anderes kleines Lebensmittel, wie eine getrocknete Canberry, eine Himbeere, eine Kirschtomate oder ein Cracker verwenden.

Stelle Dir vor, Du seist ein Wissenschaftler auf einem fremden Planeten auf der Suche nach etwas zu essen. Du entdeckst die Rosine (den vollkommen neuen Gegenstand) und erkundest sie neugierig mit den „Werkzeugen“, die Dir zur Verfügung stehen: Deinen 5 Sinnen.

Zunächst untersuchst Du den Gegenstand aufmerksam rein äußerlich. Beginne mit Deinen Augen. Was siehst Du? Wie sieht der Gegenstand aus? Welche Farbe(n) hat er? Welche Form und Oberfläche? Sieht er appetitlich aus? Dann nutzt Du Deine Nase. Wie riecht der Gegenstand? Riechst Du verschiedene Dinge? Ist der Geruch appetitlich? Nutze nun Deine Finger, um den Gegenstand zu fühlen. Wie fühlt er sich an? Gibt er nach, wenn Du ihn drückst? Dann halte den Gegenstand an Dein Ohr. Hörst Du etwas? Hörst Du vielleicht etwas, wenn Du den Gegenstand drückst?

Nun ist der Moment gekommen, den Gegenstand in den Mund zunehmen: Lege den Gegenstand auf Deine Zunge, schließe den Mund, kaue jedoch nicht. Wie fühlt sich der Gegenstand auf der Zunge an? Anders als bei der Erkundung mit den Fingern? Schmeckst Du schon etwas? Nehme einen bewussten ersten Biss. Was verändert sich am Geschmack? An der Konsistenz? Am Gefühl? Bewege den Gegenstand mit Deiner Zunge im Mund hin und her, um ihn in seiner Gänze zu schmecken. Kaue nach und nach weiter und bleibe dabei ganz bewusst und aufmerksam in Hinblick auf Geschmack und Konsistenz. Verändern sie sich? Dann, schlucke den Gegenstand bewusst herunter. Wie fühlt sich das an? Welcher Geschmack und welches Gefühl verbleiben im Mund? Wie lange?

Und zum Schluss: Wie sättigend war dieser Gegenstand?

Wichtig bei der Erkundung ist, dass Du ein sehr neutraler „Wissenschaftler“ – ein neutraler Beobachter – bist. Du nimmst jegliche Empfindungen wahr, ohne sie zu bewerten.

Die Übung kann von 5 Minuten bis zu 20 oder 30 Minuten dauern, je nachdem, wie aufmerksam Du den Gegenstand untersuchen möchtest.

Achtsam Essen: Übung macht den Meister

Die Rosinenübung mag Dir zunächst etwas ungewohnt entscheiden und vielleicht sogar schwer fallen. Heutzutage sind wir oftmals sehr abgelenkt von den verschiedensten Eindrücken und Informationen – sowohl um uns herum, als auch in uns selbst in Form unserer Gedanken. Sich auf eine Sache zu konzentrieren ist dabei gar nicht so einfach. Öfters aufmerksam, bewusst, achtsam zu sein, ist allerdings umso wichtiger. Achtsamkeit ist wie ein Muskel, der trainiert werden kann. Je öfter Du ihn einsetzt, umso leichter wird es Dir fallen.

Quellenangaben:
Bays, Jan Chozen, “Achtsam Essen”, 2. Auflage 2011, Arbor Verlag GmbH, Freiamt

About the Author

Leave a Reply